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Ilira: „Ich liebe Popmusik in Verbindung mit gesellschaftskritischen Messages“

von Jen
Sängerin Ilira auf dem Cover zu ihrem Song Extra Fries.

Bubblegum-Glitter-Sängerin Ilira im Interview

„Ich sehe mich als ein Bubblegum-Glitter-Girl mit düsteren Zügen.“ Sängerin Ilira hat mit 24 Jahren das erreicht, von dem viele Mädchen und Jungen nur träumen können. Sie ist eine international gefragte Popsängerin. Aber das war natürlich nicht immer so.  Der Weg ins Musik-Business ist hart und verlangt viel Ausdauer – die hat Ilira bewiesen. 

Sie hat für ihre Karriere gekämpft, ist von der Schweiz nach Deutschland gezogen und möchte die Popmusik aus den 90ern wieder zurückholen. Ihre Songs sind aber nicht nur mädchenhaft. Nein, sie versteckt in jedem Song eine gesellschaftskritische Message. Freut euch auf ein spannendes Interview mit Ilira.

Ein Porträt der Sängerin Ilira.
@ Jen Krause

Overview: Was fasziniert dich so sehr an Popmusik?

Ilira: Ich finde Popmusik sehr anspruchsvoll. Du musst viele Regeln beim Komponieren beachten und brauchst ein richtiges Konzept. Vor allem als Songwriter musst du genau wissen, wie man einen Popsong schreibt und konzipiert. Die urbane Musik ist freier – was auch wunderschön ist. Aber ich finde Popsongs fordern mich viel mehr heraus. 

Du musst beispielsweise darauf achten, dass du im ersten Vers eine bestimmte Handlung erzählst und der zweite Vers auf dieser aufbaut. Und dazu musst du melodisch in Treppchen denken, der höchste Ton muss an einer bestimmten Stelle ausgespielt werden. Wenn man sich dazu noch zur Aufgabe nimmt, gesellschaftskritische Aussagen einzubauen, wird es zu einer großen Herausforderung und genau das liebe ich.

Overview: Erzähl uns bitte etwas mehr zu deiner Laufbahn und deinem schulischen Werdegang. 

Ilira: Mit 6 Jahren habe ich dann eine CD von Britney Spears bekommen. Ich fand es sehr inspirierend, wie man als Mensch einfach einen kompletten Song schreiben kann. Und diese Songs wurden auch noch zu Hits. So habe ich mich direkt schon mit der Entstehung von Songs auseinandergesetzt und auch probiert meine Lieblingskünstler zu imitieren. Und habe ohne Zuschauer fleißig geübt.

Mit 14 Jahren war ich dann in einer richtigen Schulband, in der man auch schnell erkannt hat, dass ich Talent habe und gut singe. Ab da hat mir meine Mama geholfen, an verschiedenen Events und Shows teilzunehmen. Zu dieser Zeit lebten wir noch in der Schweiz und leider gab es hier wirklich fast keine Möglichkeiten meine Gesangskarriere zu fördern. 

Und da meine Eltern Kosovo-Albaner sind, hat meine Mama auch in Albanien ihre Fühler ausgestreckt und nach Plattformen für mich gesucht. In Albanien gab es natürlich eine Menge Möglichkeiten und so waren wir öfter dort. Das alles haben wir neben der Schule gemacht. In Albanien war es viel einfacher als Newcomer durchzustarten. Ich hatte sogar beim albanischen MTC eine Woche lang meine eigene Unplugged Show. 

Overview: Und dann folgte der ESC? Wie war das für dich? Und vor allem, wie war die Zeit nach dem ESC?

Ilira: Genau mit 15/16 Jahren war ich mit meiner Band The Colours bei der Schweizer Vorentscheidung zum Eurovision Song Contest und belegte den dritten Platz. Ich dachte, jetzt geht es weiter, aber dann kam auf einmal nichts. Und leider waren unsere Ausgaben immer noch höher als die Einnahmen. Natürlich waren die Erfahrungen in Albanien schön, aber ich habe auch gemerkt, dass das Land sehr korrupt ist. Wenn man genügend zahlt, dann bekommt man die Bühne oder den Award. Und das war nicht was ich wollte. 

Somit fiel ich nach dem Vorentscheid in ein Tief. Wenn man so jung ist und Erfolg hat, gewöhnt man sich daran und wenn man merkt, es bietet sich keine neue Plattform mehr für die eigene Karriere, dann fällt man leider oft in ein Loch. 

Ich habe probiert, mich auf die Schule zu fokussieren. Allerdings fiel es mir schwer, meine Leidenschaft war eben einfach Musik. Ich habe sogar ein Gymnasium besucht, das einen besonderen Fokus auf Psychologie legt, weil ich dachte, vielleicht könnte das passen. Aber auch das war nicht das Wahre für mich. Ich habe wirklich jede Privatschule, von der mich meine Eltern überzeugen wollten, abgebrochen. „Warum sollte ich auch Mathe lernen, wenn ich singen möchte?!“ 

Dann habe ich mir eines Tages ein paar Trackbeats im Internet gekauft um meine eigenen Songs zuhause aufzunehmen. In der Schweiz auf dem Land war es oft sehr still und einsam. So konnte ich für mich Musik machen und sie anschließend auf Soundcloud hochladen. Und zusätzlich hat mich meine Schwester animiert auf Instagram zu posten und meinen Gesang zu zeigen. Ich wusste ehrlicherweise gar nicht was Instagram ist, aber ich habe meinen Soundcloud-Link in meine Bio kopiert und aus irgendeinem mir nicht erklärbaren Grund hat Prince P sich meine Songs genau dadurch angehört. Er brachte mich nach Deutschland und so stehe ich jetzt hier und mache meine eigene Musik. 

Overview: Was machen eigentlich deine Eltern? 

Ilira: Meine Mama ist Ärztin. Sie hat eine eigene Praxis und ist Psychologin. Und mein Papa ist quasi am Empfang und kümmert sich um die Bürokratie in der Praxis. Beide haben sich zusammen über die Jahre immer wieder gestärkt und etwas Wunderbares erschaffen.

Overview: Du bist Britney Fan. Gibt es denn ein männliches Pendant zu Britney für dich? 

Ilira: Ja, die frühere Britney war mein Idol. Jetzt ist sie leider an einem Punkt, in dem ich mich nicht mehr mit ihr identifizieren kann und möchte. Sie ist ausgelaugt und auf eine Art auch innerlich tot. Man muss wirklich aufpassen auf wen man sich einlässt in seinem leben und wie weit man geht. Künstler neigen dazu, sich selbst zu verlieren. Der Druck dem man tagtäglich ausgesetzt ist, ist enorm. Deswegen probiere ich oft durchzuatmen. Ich will auf mich aufpassen und mich über mein Glück zu freuen. 

Kurt Cobain von Nirvana ist mein männliches Idol. Ich habe mich sehr viel mit ihm beschäftigt und auch viele Bücher über ihn gelesen. Irgendwie fühle ich mich hingezogen zu Menschen, die in einer schwierigen Lage sind. Die innerlich zerrüttet sind. Ich glaube genau diese Menschen haben eine Zeit lang so viel, zu viel fühlen müssen in ihrem Leben. Und daran sind sie kaputt gegangen. Gefühle faszinieren mich, weil ich selbst sehr gefühlvoll bin. 

Overview: Hast du manchmal Angst, dass es auch bald vorbei sein könnte?

Ilira: Natürlich, jeden Tag. Wenn man etwas im Leben hat, das einen glücklich macht, dann ist es ganz normal Angst zu haben es zu verlieren. Ich habe aber gelernt, weil ich sehr verbissen war, dass ich mehr auf mich acht geben muss. Und alles etwas ruhiger machen muss. Ich bin dankbar für alles was ich bisher erreicht habe. Natürlich möchte ich noch internationaler werden und wachsen, aber ich bin auch jetzt schon sehr glücklich. Ich kann von meiner Musik leben und das ist wunderbar. Jetzt geht’s nur noch um die Pluspunkte. Natürlich weiß ich, dass mit größerem Erfolg auch größerer Druck und größere Probleme kommen. Meine Kunst ist mein Baby.

Overview: Welche deutsche Sängerin findest du toll?

Ilira: Tatsächlich habe ich mich in letzter Zeit mehr mit LEA befasst und ich finde sie wundervoll. Sie erzählt in ihren Liedern Geschichten und man spürt teilweise ihren Schmerz. Ich kenne Sie zwar nicht persönlich, aber ich bewundere Sie sehr, sie hat etwas an sich, was ich sehr künstlerisch und anziehend finde. 

Overview: Du schreibst deine Songs zusammen mit deinem Songwriter Jaro Omar, gibt es mittlerweile kleine Rituale, die ihr gemeinsam habt, um im Songwriting-Prozess weiterzukommen?

Ilira: Genau, ich brauche nur meinen Songwriter Jaro und dann bin ich glücklich und kann die besten Songs konzipieren. Jaro ist aber nicht nur mein Songwriter, er ist mittlerweile mein Manager und auch bester Freund – Seelenverwandter. Dadurch, dass Jaro mein bester Freund ist, funktioniert es so gut mit dem Songwriting. Er weiß genau, was bei mir los ist. 

Bei dem Song „Get off my dick“ ging es mir beispielsweise gar nicht gut. Das war die Zeit, in der alles gerade losging mit meiner Karriere in Deutschland und Europa. 

Ich hab die Musikindustrie zu dieser Zeit mit anderen Augen gesehen. Ich dachte, man wird umsorgt und alle kümmern sich um einen. Das war natürlich nicht so. Niemand kümmert sich um irgendetwas, niemand sieht deinen Weg und Traum als seinen eigenen. Für viele ist das nur ein Bürojob. Und das hat mich sauer gemacht und mir den Boden unter den Füßen weggezogen. 

Jaro hat das gemerkt und schlug mir vor, genau darüber einen Song zu schreiben. Wir hatten den Titel quasi vor uns und haben darauf den Song aufgebaut. So funktioniert es meistens. Und natürlich haben wir ein geteiltes Notizbuch, in das wir unsere Gefühle und Ideen schreiben. Wir sprudeln jeden Tag vor Ideen. 

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I wish i could show you all my demos🖤 @itsjaro

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Overview: Und wie war es bei deinem Song „Extra Fries“? 

Ilira: Das kam durch ein Gespräch mit Jaro. Wenn man in einer Beziehung ist und zusammen essen geht, bestellt die Frau oft einen Salat und der Mann einen Burger mit Pommes. Klischeehaft macht die Frau auch noch eine Diät. Was passiert am Ende? Die Frau nascht sowieso bei ihrem Partner die Pommes weg. Und so war es auch bei meinem Ex-Freund und mir. Am Ende hat er mir einfach immer eine Extra-Pommes mitgebracht. Jaro und ich dachten uns also: „Scheiß drauf, nimm dir doch von Anfang an eine Extra-Pommes.“ 

Und die Message ist Bodypositivity! Wir Mädchen sollten uns nicht verbiegen, vor allem nicht für andere. Ich bekomme so oft Nachrichten von jungen Mädchen, die sich nicht schön oder zu dick finden. Das ist schrecklich. Deswegen musste ich genau zu diesem Thema einen Song schreiben, um diesen Menschen zu zeigen, dass es okay ist, so zu sein, wie du bist! Steht zu euch und „Get those extra fries“!

Overview: Du nennst dich selbst eine Außenseiterin. Ist es mittlerweile anders als damals oder ist es jetzt noch schwieriger geworden, echte Freundschaften zu schließen? 

Ilira: Ich bin eher introvertiert, wenn es um neue Freundschaften geht. Und das war schon immer so. Zwar hat sich einiges mit meinem Erfolg verändert, aber ich bin immer noch Ilira und eine kleine Außenseiterin. Es fällt mir immer noch schwer Freundschaften zu schließen. Vor allem, weil ich ein sehr kritischer Mensch bin und dazu noch in mich gekehrt. Ich habe Angst verletzt zu werden, weil das früher leider oft passiert ist. Jetzt im Musik-Business ist es noch schwerer geworden Freundschaften zu schließen. Ich merk jetzt schon, dass Menschen einen Vorteil für sich erkennen, wenn sie mit mir zusammen sind. Viele haben ihre Kindheitsfreunde. Da ich so oft ausgewandert bin und immer weg war, habe ich diese Beziehungen nicht aufbauen können. Das ist schade und diese Chance ist nun weg. Aber ich habe meine Familie und 2-3 Freunde, die zwar auf der Welt verteilt sind, die ich aber sehr lieb hab. 

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Love will keep u up tonight @samsmith

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Overview: Wann ist der richtige Zeitpunkt etwas Neues zu beginnen?

Ilira: Wenn keine Emotionalität und Leidenschaft mehr da ist für das bestimmte Thema oder die bestimmte Person. Und dann gibt es da draußen bestimmt etwas Besseres für dich!

Sängerin Ilira auf einem weißen Einhorn.
@ Jen Krause

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