Anna Maria Kaufmanns Geschichte liest sich wie ein Drehbuch: Mit fast nichts in den Taschen, aber einer unbändigen Vision im Herzen, verlässt sie ihre Heimat Kanada, um in Deutschland ihr Glück zu suchen. Was als Au pair Jahr begann, entwickelte sich zu einer der beeindruckendsten Karrieren der Musikwelt. Ihr Durchbruch als „Christine“ im „Phantom der Oper“ an der Seite von Peter Hofmann machte sie über Nacht zum Weltstar. Doch hinter dem Glanz der Bühne steckt eine Frau, die gelernt hat, sich durch Einsamkeit, Ellbogenmentalität und die Herausforderungen einer harten Branche zu kämpfen. Heute blickt sie auf Jahrzehnte voller Triumphe zurück und erfindet sich doch immer wieder neu, zwischen Klassik, Pop und einer tiefen Verbundenheit zu ihrer Wahlheimat Deutschland.
Von der Suche nach Identität zum internationalen Rampenlicht
Overview: Anna Maria, die Welt da draußen kennt dich eher als die große Sopranistin, als die „Christine“. Aber wie würdest du dich selbst innerlich beschreiben? Wer ist die Persönlichkeit hinter der Stimme?
Anna Maria Kaufmann: Neulich hatte ich einen kleinen Streit mit einer Freundin, und sie sagte zu mir: „Nur weil du die Christine gesungen hast, musst du nicht manchmal so eine Prima Donna sein.“ Ich merke das bei mir selbst oft gar nicht, aber vielleicht schwingt da manchmal ein gewisser „Air“ mit, durch all meine Erfahrungen auf den großen Bühnen dieser Welt. Aber eigentlich bin ich, glaube ich, ein absoluter Herzensmensch. Ich lebe von meinem Herzen. Ich bin sehr mitfühlend, manchmal vielleicht sogar zu großzügig. Aber am wichtigsten ist mir, mir selbst treu zu bleiben. Ich finde mich selbst am besten, wenn ich singe, wenn ich übe und wenn ich in meine Rollen eintauche. Da bin ich so glücklich, dass ich die ganze Welt umarmen könnte.
Als du damals das erste Mal nach Deutschland kamst, hattest du da Angst? Man braucht ja unglaublich viel Mut, um aus Kanada alleine hierher zu kommen und alles auf eine Karte zu setzen. Hattest du Selbstzweifel?
Anna Maria Kaufmann: Oh ja, ich kann mich gut an Momente erinnern, in denen ich geweint habe und verzweifelt war. Mein Berater damals hat mir sehr geholfen, ebenso wie mein Glaube. Und vielleicht auch eine gewisse Naivität, ich bin einfach meinem Weg gefolgt und habe vertraut. Umso mehr ich das getan habe, umso öfter ich an Türen geklopft habe, desto mehr verschwand die Angst. Und wenn ich doch Angst hatte, habe ich es trotzdem gemacht. Ich bin nicht vor einer geschlossenen Tür stehen geblieben, wenn ich etwas wirklich wollte. Das ist bis heute so, was meinen Mann manchmal ein bisschen ärgert, weil ich sehr hartnäckig sein kann, wenn ich an eine Sache glaube. Das ist vielleicht nicht immer gut, aber so habe ich meinen Weg gefunden.
Die Musikszene ist ja eine Welt mit harten Ellbogen, jeder will ins Rampenlicht. War es dieser Glaube und diese „Hartnäckigkeit“, die dich davor bewahrt haben, alles hinzuschmeißen?
Anna Maria Kaufmann: Absolut. Man muss das als Künstlerin haben. Es gab Momente der Verzweiflung, aber genau dann habe ich gemerkt: Jetzt muss ich erst recht an mir arbeiten. Dann findet sich ein Weg. Man muss da einfach durch. Auch gute Freunde haben mir in diesen Zeiten sehr geholfen.
Der Anruf, dass du die Christine im „Phantom der Oper“ bist, hat dein Leben über Nacht verändert. Wie war dieses Gefühl? Und wie haben die Menschen in deinem Umfeld reagiert? Gab es plötzlich Freunde, die vorher nicht da waren?
Anna Maria Kaufmann: Als Kind habe ich schon mit vier Jahren für die Gäste meiner Eltern im Wohnzimmer gesungen. Da hätte man eigentlich schon erkennen müssen, was in mir steckt, aber ich musste es mir erst selbst beweisen. Dieser Anruf gab mir plötzlich einen Halt und eine Sicherheit, die ich vorher nie hatte. Aber dieses Glück kann man nicht mit jedem teilen, vor allem nicht mit Kollegen, die vielleicht gerne das gehabt hätten, was ich bekommen habe. Nicht jeder war ehrlich. Ich musste lernen, mich abzuschirmen und zu schützen. Es war teilweise sehr einsam. Es war auch nicht leicht, mich auf der Bühne neben einem so riesigen Star wie Peter Hofmann zu behaupten. Aber durch meinen Mut und harte Arbeit habe ich es geschafft. Sogar von Andrew Lloyd Webber persönlich habe ich ein großes Kompliment bekommen.
Deine Wurzeln liegen in Kanada, du lebst in Deutschland. Wo fühlst du dich heute wirklich zu Hause? Ist es ein kultureller Mix?
Anna Maria Kaufmann: Wir sind international. Wir sind hier zu Hause, aber auch in Kanada. Und wir haben uns einen lebenslangen Traum erfüllt: Seit ich in Deutschland bin, habe ich davon geträumt, ein Haus an der Côte d’Azur zu haben. Ich habe dort früher oft gesungen, in Monte Carlo oder Cap Ferrat, und mich in die Gegend verliebt. Zusammen mit meinem Mann haben wir uns diesen Wunsch erfüllt. Trotz all der schweren Zeiten, die wir auch hatten, haben wir so viel Glück und Gutes erfahren.
Du gehst heute auch in die Richtung Pop Mix. War das eine bewusste Entscheidung für die Karriere?
Anna Maria Kaufmann: Ich habe das eigentlich von Anfang an gemacht. Schon meine erste CD nach dem „Phantom“ hatte zwei Duette mit Barry Manilow. Ich habe „The Rose“ oder „All I Ask Of You“ aufgenommen. In der Welt der CD Verkäufe hatte ich mit diesem Pop Mix und meiner klassischen Stimme oft mehr Erfolg als mit der reinen Operette. Aber ich liebe es auch einfach, es liegt mir sehr gut.
Wenn du einer jungen Frau begegnen würdest, die heute mit einem ähnlichen Traum in ein fremdes Land zieht, was sollte sie in ihrem Herzen tragen?
Anna Maria Kaufmann: Auf keinen Fall darf das Ziel sein, „berühmt“ zu werden oder viel Geld zu verdienen. Das darf man nicht als primären Antrieb haben. Man muss die Sache so sehr lieben, dass man sie egal unter welchen Umständen macht. Wenn diese Liebe da ist, dann kommt, glaube ich, auch der Erfolg von ganz allein.
Was war das schönste Ereignis in deiner Karriere, und was war vielleicht eine bittere Enttäuschung?
Anna Maria Kaufmann: Ein Highlight war sicher meine Rolle als Evita, die ich 300 Mal gesungen habe. Eine bittere Enttäuschung war, als mir neulich ein Regisseur sagte, ich sei vielleicht zu alt für eine bestimmte Rolle. Das war beleidigend und hat mich erst mal fertig gemacht, weil ich weiß, dass ich es noch immer spielen und die Leute begeistern könnte. Aber es hält mich nicht auf. Ich lerne mich immer wieder neu kennen und arbeite an mir. Vor dem „Phantom“ war ich auch verzweifelt und wusste nicht, wie es weitergeht, und dann kam das Glück. Ich gebe einfach nicht auf.
Wie sehen deine Pläne für die nächsten Jahre aus? Du arbeitest ja an einem eigenen Musical?
Anna Maria Kaufmann: Ja, an dem Musical arbeiten wir intensiv, das wird irgendwann herauskommen. Außerdem nehme ich neue Musik auf. Von Ende Dezember bis Ende Januar habe ich eine große Tournee mit fünf Tenören vor mir. Ich habe Konzerte in den USA, ein Chanson Abend ist geplant, es wird nicht langweilig! Ich habe in den letzten zweieinhalb Jahren auch intensiv mit einer Freundin, der Wagner Sängerin Daniela Köhler, an meiner Gesangstechnik gearbeitet. Nach der schweren Covid Zeit war ich teilweise blockiert, aber ich habe meinen Körper und meine Stimme wieder neu geöffnet. Das zeigt: Ich arbeite ständig an mir.
Gibt es noch ein besonderes Highlight, an das du dich gerne erinnerst?
Anna Maria Kaufmann: Oh ja! 1996 hatte ich die Ehre, die Nationalhymne im Wembley Stadion zu singen, als Deutschland Europameister wurde. Ich habe ihnen wohl Glück gebracht! (lacht)