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Interviews

Warum Haltung wichtiger ist als Reichweite

von Jen

Michael Köckritz über Luxus, Print und die Kunst, nicht beliebig zu werden

Michael Köckritz hat Medizin studiert, um Menschen zu verstehen. Heute erzählt er Geschichten, um Räume zu öffnen. Dazwischen liegt kein Bruch, sondern eine Haltung: der Wunsch, Sinn zu stiften, statt zu belehren und Ernsthaftigkeit zu bewahren in einer Welt, die immer schneller, lauter und austauschbarer wird.

Mit seinen Magazinen, Büchern und Gesprächsformaten hat Köckritz eine eigene Form von Medienkultur geschaffen und zwar ramp.space. Eine, die auf Nähe statt Reichweite setzt, auf Wert statt Preis, auf Haltung statt Pose. Seine Publikationen sind keine schnellen Antworten, sondern kuratierte Einladungen: zum Lesen, zum Nachdenken, zum Verweilen.

Im Gespräch spricht Michael Köckritz über Wirksamkeit jenseits von Klickzahlen, über Luxus als Gefühl von Selbstbestimmung, über Marken, die nicht laut sein müssen, um zu wirken und darüber, warum echte Gespräche gerade jetzt wieder an Bedeutung gewinnen.

Michael Köckritz ist Medienmacher, Herausgeber und Autor. Nach einem Medizinstudium entschied er sich bewusst gegen die Klinik und für das Erzählen von Geschichten. Mit seinen Printmagazinen, Büchern und Gesprächsformaten setzt er auf inhaltliche Tiefe, ästhetische Klarheit und eine Haltung, die nicht belehrt, sondern öffnet. Neben Print entwickelt er unter anderem sogenannte Table Talks – Gesprächsformate, bei denen Nähe und Austausch im Mittelpunkt stehen.

Get an overview with Micheal Köckritz

Overview: Michael, du sprichst oft von Wirksamkeit statt Reichweite. Was meinst du damit?

Michael Köckritz: Originalität oder Kreativität allein genügen nicht. Eine Idee muss Sinn ergeben, sie muss etwas auslösen. Wirksamkeit bedeutet für mich, dass eine Idee Resonanz erzeugt, dass Menschen sich mit ihr beschäftigen, darüber nachdenken, vielleicht sogar ihre eigene Perspektive hinterfragen.

Viele Marken wollen sofort begehrlich sein oder direkt als Love Brand wahrgenommen werden. Dabei werden die Schritte davor oft übersprungen. Zuerst braucht es Wahrnehmung, dann Bedeutung, dann Resonanz. Erst daraus entsteht echte Begehrlichkeit. Wenn diese Basis fehlt, bleibt alles oberflächlich und das trägt nicht lange.

Deine Magazine laden zum Verweilen ein. Warum funktioniert Print aus deiner Sicht gerade jetzt wieder?

Michael Köckritz: Weil die digitale Welt so massiv, so präsent und gleichzeitig so beliebig geworden ist. Du bist permanent umgeben von Inhalten, aber vieles rauscht an dir vorbei. Ein Magazin ist etwas anderes. Es ist kuratiert, es hat eine Persönlichkeit, eine Haltung. Es liegt vor dir, es gehört dir. Und du gehst anders damit um.

Auch neurologisch: Wenn du etwas in der Hand hältst, werden andere Hirnregionen aktiviert, insbesondere jene, die für Erinnerung und Nachhaltigkeit zuständig sind. Print zwingt dich nicht, aber er lädt dich ein, dich einzulassen. Diese Form von Aufmerksamkeit ist heute selten geworden und gerade deshalb wieder wertvoll.

Der Begriff Luxus fällt im Zusammenhang mit deinen Magazinen häufig. Wie definierst du Luxus?

Michael Köckritz: Luxus ist für mich keine Preiskategorie, sondern eine sehr persönliche Erfahrung. Im Kern stehen meist drei Gedanken: Ich bin es wert. Ich kann es mir leisten. Ich gehöre dazu. Das kann ein materielles Objekt sein, eine Uhr oder ein Auto, aber genauso gut ein Moment. Zum Beispiel die Freiheit, selbstbestimmt zu entscheiden: Ich nehme mir jetzt Zeit. Ich mache das, was mir wichtig ist. Dieser Moment der Autonomie – selbst zu entscheiden, was zählt – ist für mich Luxus.

Was unterscheidet für dich etwas Teures von etwas Wertvollem?

Michael Köckritz: „Teuer“ beschreibt zunächst nur einen Preis, meist im Vergleich zu etwas anderem. Wert entsteht durch Qualität, Sinnhaftigkeit und die Beziehung, die man zu einem Objekt aufbaut. Bei unseren Magazinen zeigt sich das sehr konkret: im Gewicht, im Papier, in der Verarbeitung, aber vor allem im Inhalt. Texte, bei denen man spürt, dass sich jemand Mühe gegeben hat. Autoren, die ernsthaft schreiben. Diese Stimmigkeit ist letztlich das, was Wert erzeugt. Nicht der Preis, sondern das Gefühl, dass etwas ernst gemeint ist.

Du betonst Offenheit und Perspektivenvielfalt. Ist das eine bewusste Haltung gegen Belehrung?

Michael Köckritz: Ja, absolut. Ich will nicht belehren. Wir leben in einer Zeit, in der sehr viele Menschen erklären wollen, wie die Welt zu sein hat. Das interessiert mich nicht. Mich interessiert Offenheit. Unsere Magazine, besonders rampstyle, sind heute stark interviewgetrieben. Dort kommen Menschen mit sehr unterschiedlichen Meinungen zu Wort. Nicht, um eine Wahrheit zu verkünden, sondern um Denkprozesse anzustoßen. Ich möchte, dass Leser sich mit anderen Perspektiven auseinandersetzen und daraus ihre eigene Haltung entwickeln.

Diese Haltung zeigt sich auch in euren Table Talks. Was ist dir daran wichtig?

Michael Köckritz: Die Nähe. Der echte Austausch. Wir sitzen an einem Tisch, ohne Bühne, ohne Distanz. Die Gespräche entwickeln sich wie am Küchentisch unter Freunden. Jeder kann sich einbringen, Fragen stellen, zuhören. Gerade weil digitale Kommunikation immer perfekter, aber auch austauschbarer wird, wächst das Bedürfnis nach solchen echten Begegnungen enorm.

Du hast dich bewusst für eine Nische entschieden, statt auf Reichweite zu setzen. War das von Anfang an geplant?

Michael Köckritz: Nein, überhaupt nicht strategisch im klassischen Sinn. Ich habe Magazine gemacht, die mir selbst gefehlt haben, für mich und mein Umfeld. Wir hätten gar nicht die Möglichkeit gehabt, in die Breite zu gehen. Erst im Nachhinein habe ich verstanden, dass genau diese Klarheit und Eigenständigkeit wahrgenommen wurden. Haltung wird gespürt, auch dann, wenn man sie nicht permanent benennt oder erklärt.

Woran erkennt man, ob eine Idee langfristig trägt?

Michael Köckritz: An ihrer Sinnhaftigkeit. Und daran, ob man selbst wirklich dahintersteht. Wenn man nur Trends folgt oder sich anbiedert, verliert man den Markenkern und mit ihm das Vertrauen.  Das gilt für große Konzerne genauso wie für kleine, unabhängige Projekte. Beständigkeit entsteht nicht durch Anpassung, sondern durch Klarheit.

Du hast ursprünglich Medizin studiert. Hat dieser Hintergrund deine heutige Arbeit geprägt?

Michael Köckritz: Sehr. Medizin hat mir den Blick auf den Menschen gegeben. Mich haben schon damals Themen wie Psychologie und Psychiatrie besonders interessiert. Rückblickend sehe ich viele Parallelen zu dem, was ich heute tue: Ich beschäftige mich mit Menschen, mit ihren Motiven, mit ihren Geschichten, nur in einem anderen Kontext.

Hat Print als Medium langfristig Zukunft?

Michael Köckritz: Ja, wenn es authentisch ist. Teuer allein reicht nicht. Inhalt, Form und Haltung müssen zusammenpassen. In einer Welt, die immer schneller und austauschbarer wird, kann genau diese Ernsthaftigkeit wieder an Bedeutung gewinnen.

Du fragst dich nun, wo du Michaels Magazine, Bücher und alles weitere aus dem Kosmos von ramp.space findest? Hier kommst du direkt zur Homepage.

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