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Lifestyle

Was beutetet Gewalt in der Geburtshilfe und wie kann ich mich als Frau schützen?

von Stephanie
Rote Rose auf weissem Untergrund

Gewalt in der Geburtshilfe und wie sich Frauen schützen können

Nachdem ich mich hier beim Overview Mag vor zwei Wochen im Interview Über Entmachtung und Frustration in Geburtskliniken bereits vorstellen und viel über meine Arbeit als Doula und mein eigenes Wellness-Label für Frauen erzählen durfte, kommt hier mein erster Beitrag im Rahmen meiner neuen Kolumne „Like A Woman“, in der es fortan um alles gehen soll, was Frauen gesundheitlich bewegt. Wer das Interview noch nicht gelesen hat, kann das hier tun, um sich ein Bild zum heutigen Thema zu machen: Gewalt in der Geburtshilfe.

Im Gespräch erzähle ich, wie ich dazu gekommen bin, Doula zu werden. Kurz zusammengefasst: der Grund dafür war die Geburt meines Sohnes, die sich monatelang irgendwie übergriffig und nicht stimmig angefühlt hat. Und obwohl ich gespürt habe, dass die Art und Weise, wie wir als Familie im Krankenhaus während der Geburt behandelt wurden nicht okay war, habe ich lange mit mir gerungen, bis ich mir erlaubt habe zu sagen: ja, meine Geburt war gewalttätig und die Erfahrung im Krankenhaus hat mich einer positiven, bestärkenden Erfahrung beraubt.

Hauptsache gesund…?!

Und damit bin ich ganz offensichtlich nicht allein. Denn immer mehr Frauen gestehen, dass sich diese neue, eigentlich doch so wunderschöne Lebensphase als frisch gebackene Mutter lange Zeit nicht wirklich gut angefühlt hat – weil das Erleben der Geburt wie ein Schatten über dem freudigen Ereignis hängt. Die Medienberichte zum Thema Gewalt in der Geburtshilfe haben in den letzten Jahren immer mehr zugenommen. Viele Betroffene trauen sich, ihre Geschichte zu teilen oder sogar juristisch gegen Krankenhäuser vorzugehen und doch hält sich die hartnäckige Binsenweisheit: „Hauptsache gesund“. Aber wie gesund ist eine frisch gebackene Mama, die gerade eine gewalttätige Geburt erlebt hat und psychisch leidet?

Diese Frage muss wieder in den Fokus des Interesses rücken – um dem Thema Geburtshilfe endlich die nötige, dem 21. Jahrhundert angemessene Aufmerksamkeit zu schenken. Das fanden auch die Initiatorinnen des Roses Revolution Days, Mother Hood e.V., als sie die Initiative für eine friedliche Geburt ins Leben riefen. Am Montag, den 25.11.2019, findet er bereits zum siebten Mal statt und gibt Frauen Anlass, eine Rose vor den Kreissaal, den Ort des Geschehens, zu legen. Als Symbol für die Gewalt, die ihnen während der Geburt widerfahren ist, macht dieser Tag eine Problematik sichtbar, die in einem der reichsten Länder der Welt im Jahr 2019 eigentlich nichts mehr zu suchen haben sollte: Gewalt gegenüber Frauen in einer Situation, in der sie ganz klar unterlegen sind.

Geburt und Bürokratie

Ich bin grundsätzlich zuversichtlich und der Überzeugung, dass die geburtshilflichen Abteilungen im Krankenhaus schlichtweg unterbesetzt sind, um den Zauber “Geburt“ in all seiner Vielseitigkeit und Natürlichkeit zu zelebrieren. Auf eine Hebammen kommen oft mindestens drei bis vier Gebärende gleichzeitig (wenn nicht sogar mehr), hinzu kommen bürokratische Vorschriften, die Hebammen und Ärzte zwingen, alles genauestens zu dokumentieren – das parallel bei mehreren Frauen und schon bleibt die Hingabe manchmal ungewollt auf der Strecke. Gerade wenn es dann schnell gehen muss, wird der Ton oft rauer und eine eigentlich gut gemeinte Intervention jagt die nächste. Der Tag, der für die werdende Mama einer der schönste ihres Lebens werden sollte, wird plötzlich zum Horrortrip.

Doch was bedeutet Gewalt unter der Geburt? Oder anders gefragt, was ist eigentlich eine gewaltfreie oder auch sanfte Geburt, wie sie immer öfter genannt wird? Nun, so einfach lässt sich diese Frage nicht beantworten. Denn wie eine Geburt erlebt wird, hängt von vielen Parametern ab – wie dem persönlichen Empfinden, den eigenen Erwartungen (was nicht heißt, dass Frauen, diese herunterschrauben sollen) oder der richtigen Kommunikation. Nicht jeder ungewollte Damm- oder Kaiserschnitt muss als Gewalt wahrgenommen werden, wenn eine Frau auf dem Weg dahin beispielsweise gut begleitet und aufgeklärt wurde. Damit gilt also erst einmal, dass eine gewaltfreie oder sanfte Geburt als eine Geburt bezeichnet werden kann, bei der die Rechte der werdenden Mutter, beziehungsweise der gebärenden Person, zu jeder Zeit gewahrt werden und alle medizinischen Maßnahmen nicht leichtfertig und ohne Wissen der Eltern geschehen, sondern mit diesen besprochen werden. Wichtig ist eine grundlegende, versierte und zu jeder Zeit respektvolle Kommunikation – vorab, während und nach der Geburt – um das Ereignis positiv zu konnotieren.

Wie kann ich mich als Gebärende also vor Gewalt unter der Geburt schützen?

Allem voran: das Wichtigste ist, die eigenen Wünsche zu kennen und klar und deutlich zu formulieren und sich über sein Umfeld und die eigenen Rechte genau zu informieren. Das heißt: fragen, fragen, fragen und nicht glauben, dass das Krankenhaus schon immer im Sinne der Gebärenden handeln wird. Für gewöhnlich ist nämlich genau das Gegenteil der Fall. Krankenhäuser handeln in erster Linie wirtschaftlich, oder aber im Sinne des Babys.

Letzteres kann sich ein Krankenhaus sogar zertifizieren lassen. In Österreich und Deutschland läuft diese Zertifizierung unter der Kategorie „Babyfreundlich“, basierend auf dem internationalen Programm „Babyfriendly Hospital Initiative“ der Weltgesundheitsorganisation WHO und UNICEF. Ziel ist es, eine Umgebung zu schaffen, welche den Bedürfnissen des Babys vor, während und nach der Geburt gerecht wird. Mehr Informationen dazu gibt es hier.  

Babyfreundliche Krankenhäuser – mit Zertifikat

Ein babyfreundliches Krankenhaus ist aber immer auch Mütterfreundlich. Die Initiative “CIMS – Coalition for Improving Materny Services“ hat dafür zehn Schritte zur mütterfreundlichen Schwangerenvorsorge- und Geburtshilfe erarbeitet. Darüber hinaus wurde definiert, welche Bedingungen Geburtseinrichtungen erfüllen müssen, um sich gemäß dem Standard der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als “babyfreundlich“ zu qualifizieren.

Als mütterfreundliche Kriterien gelten beispielsweise die freie Wahl der Geburtsbegleiter, die Möglichkeit einer kontinuierlichen Betreuung durch eine oder mehrere Begleitpersonen, die Möglichkeit, sich während der Geburt frei zu bewegen (nein, das ist nicht Standard), eine eigene Gebärhaltung einzunehmen, kein Einsatz von Routinemaßnahmen (wie ein Venenzugang, Einlauf, Ess- und Trinkverbot), die Garantie, dass medizinische Eingriffe nur bei absoluter Notwendigkeit durchgeführt werden (wie ein Dammschnitt, Geburtseinleitung) und die Option, bei Zwillingsgeburten und Beckenendlagen eine Spontangeburt anzustreben. Alles Punkte, bei denen man sich ernsthaft die Frage stellen muss, warum diese „das Besondere“ und „die Ausnahme“ darstellen und nicht die Regel? Ein bisschen wie bei der Debatte um Bio- vs. konventionelle Lebensmittel werden demokratische Standards hier ad absurdum geführt. Willkommen im 21. Jahrhundert!

Wer also die Chance auf eine sanfte Geburt erhöhen möchte, sucht sich das richtige Krankenhaus oder aber fragt im nahegelegenen Krankenhaus nach diesen Zertifizierungen und wie sie oben genannte Kriterien handhaben, auch ohne Zertifizierung. Mütterfreundlich bezeichnet am Ende, der Gebärenden eine Umgebung und Rahmenbedingungen zu schaffen, die die Bedürfnisse der schwangeren und gebärenden Person vor, während und nach der Geburt, sowie in der Stillzeit und ersten Zeit mit dem Neugeborenen in den Vordergrund stellt. Damit stellen sie eine wichtige Gegenbewegung zur Tendenz von Medikalisierung und Technisierung der Geburtshilfe dar.

„Ziel ist die Förderung einer babyfreundlichen, mütterfreundlichen, familienorientierten, bedürfnisorientierten, gewaltfreien Geburtshilfe und Betreuung in Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett, Stillzeit und frühen Kindheit.“  schreibt beispielsweise die Geburtsallianz Österreich auf ihrer Seite.

Um das sicherzustellen, ist das Erstellen eines Geburtsplans erstrebenswert! Dafür gibt es im Internet Vorlagen, die Familien selbst ausfüllen und als Anregung nutzen können. Noch besser ist, diesen zusammen mit der betreuenden Hebamme und/ oder Doula zu besprechen. Er dient unter anderem dazu, klar zu formulieren, was sich werdende Eltern wünschen und diese Wünsche vorab deutlich zu formulieren, um die eigenen Rechte zu wahren. Eine Doula kann zusätzlich zur Hebamme dafür sorgen, der Frau ein sicheres und positives Umfeld zu schaffen, um sich fallen lassen zu können, ohne sich über die besprochenen Dinge Gedanken machen zu müssen.

Die Moral von der Geschicht’?

Keine Frau muss dem derzeitigen System erlegen sein, wenn sie ein paar Dinge beachtet. Zuallererst einmal heißt es, Augen auf bei der Wahl des Krankenhauses und des Geburtsteams! Zwischen allen Beteiligten sollte nicht nur die Chemie stimmen, sondern sie sollten möglichst auch die selben Ansichten über Geburt teilen.

Eine eigene Beleghebamme und eine Doula, die bereits in der Schwangerschaft Vertraute auf Zeit sind, bei der Geburt dabei zu haben, ist für viele Frauen leider eine Kostenfrage. Oft lassen sich diese aber in Form von Geldgeschenken klären, zum Geburtstag, zur Blessingway-Feier oder zur Babyparty – anstelle des zigsten Stramplers fürs Baby. Denn am Ende sollte es Motivation genug sein, dass in einem der reichsten Länder der Welt der Anspruch doch etwas höher ein sollte, als bei einer Geburt nur „zu überleben“.

Und was kann man tun, wenn die Geburt bereits vorbei ist und als gewaltsam erlebt wurde?

Reden, Reden, Reden – dem Schmerz, der Enttäuschung und allen anderen Gefühlen Raum geben! Oft werden regional Frauenkreise, sogenannte “Birth Story Gatherings“, angeboten, bei denen Frauen das tun können – von Doulas, Hebammen oder aber Sozialhelferinnen. Hier finden sie oft weiterführende Hilfe. Wer in seiner Umgebung nichts dergleichen findet, kann sich jederzeit gerne bei mir melden. In diesem Sinne: auf eine positive Geburtskultur und darauf, dass Initiativen wie der Roses Revolution Day irgendwann der Vergangenheit angehören werden.

© 2019 Overview Magazine

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