Warum wirtschaftliche Unabhängigkeit kein Zufall ist und wie Lisa Graf ihre Autorinnenkarriere unternehmerisch aufgebaut hat
Lisa Graf gehört zu den erfolgreichsten deutschen Erzählerinnen ihrer Generation. Mit ihren Familiensagas eroberte sie die SPIEGEL-Bestsellerliste – ein Erfolg, der nicht nur Talent, sondern auch strategisches Denken, Disziplin und finanzielle Weitsicht verlangt. Im Gespräch erzählt sie, wie sie ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit aufgebaut hat, warum Teamarbeit für Autor:innen unverzichtbar ist und was wir alle aus der Geschichte der Schokoladenfamilie Lindt & Sprüngli lernen können.
Bestseller entstehen selten über Nacht. Sie entstehen dort, wo Leidenschaft auf Beharrlichkeit trifft. Bei Lisa Graf ist genau das der Fall. Die Autorin, die mit ihrer „Dallmayr“-Saga Leserinnen in ganz Deutschland begeistert hat, verbindet literarisches Können mit einem klaren Verständnis dafür, wie der Buchmarkt funktioniert und was es braucht, um sich als Autorin langfristig durchzusetzen.
In ihrem neuesten Werk widmet sie sich der Geschichte von Lindt & Sprüngli, einer Unternehmerfamilie, deren Höhen und Tiefen viel darüber verraten, wie Erfolg, Krisen und langfristige Entscheidungen zusammenspielen. Im Interview spricht Lisa Graf über ihre eigene Reise zur finanziellen Unabhängigkeit, den Wandel der Verlagswelt und darüber, warum hinter jedem starken Buch ein starkes Team steht.
Lisa Graf im Interview
Overview: Lisa, du hast viele Jahre parallel gearbeitet, bevor du vollständig vom Schreiben leben konntest. Wie hast du den Übergang geschafft – und welche Rolle spielte finanzielle Planung dabei?
Lisa Graf: Der Weg zur finanziellen Unabhängigkeit war bei mir absolut nicht geradlinig. Ich habe lange Zeit mehrere Jobs gleichzeitig gestemmt: Ich habe lektoriert, fürs Goethe-Institut Texte geschrieben, Lehrwerke entwickelt – und daneben Romane verfasst. Das war notwendig, denn niedrige Vorschüsse bedeuten schlicht, dass man das Schreiben querfinanzieren muss. Erst als die Vorschüsse höher wurden und ich spürte, dass meine Belletristik wirtschaftlich trägt, konnte ich mich ganz auf das Schreiben konzentrieren.
Diese Umstellung hat meinen Alltag enorm verändert: Ich habe plötzlich Zeit gehabt, Stoffe zu recherchieren, in Ruhe zu planen, in die Schweiz oder andere Orte zu reisen, ohne Angst vor dem Kontostand. Kreativität braucht Raum – und der Raum entsteht durch finanzielle Stabilität. Heute weiß ich: Gute Planung ist nicht das Gegenteil von Kreativität, sondern ihre Voraussetzung.
Dein neuer Roman „Lindt & Sprüngli“ erzählt die Geschichte zweier sehr unterschiedlicher Unternehmerfamilien. Was hat dich daran so fasziniert – und was können wir aus ihrer Unternehmensgeschichte lernen?
Mich hat diese Familienkonstellation sofort gepackt. Auf der einen Seite die Sprünglis aus Zürich: eine bodenständige Handwerkerfamilie, Konditoren über Generationen. Auf der anderen Seite die Lindts aus Bern: Ärzte, Apotheker, akademisch geprägt und dann ein Sohn, der die Schmelzschokolade erfindet und ein Unternehmen aufbaut. Was mich besonders interessiert hat, war der Moment, in dem diese beiden Welten aufeinandertreffen. Das war alles andere als harmonisch. Unterschiedliche Traditionen, unterschiedliche Vorstellungen von Qualität, andere Werte – das hat zuerst ordentlich geknirscht. Genau darin steckt für mich die Lehre: Erfolg entsteht selten im Einklang, sondern oft im Reibungspunkt. Rückschläge gehören dazu. Und jede Generation muss ihre eigenen Antworten finden, selbst wenn sie auf etwas aufbauen kann. Diese Erkenntnis gilt für Unternehmer:innen damals genauso wie heute – vielleicht sogar mehr denn je.
Über Lisa Graf: In Passau geboren und nach Lebtationen in München und Südspanien heute im Berchtesgadener Land zuhause, zählt Lisa Graf zu den erfolgreichsten deutschen Saga-Autorinnen. Ihre »Dallmayr«-Reihe stürmte die SPIEGEL-Bestsellerliste bis auf Platz 1, die neue „Lindt & Sprüngli“-Saga erscheint bereits in sechs Sprachen und ist in der Schweiz filmisch optioniert worden. Vielleicht kein Zufall, denn Graf hat eine Schwäche, die sie selbst augenzwinkernd zugibt: Lindt-Schokolade. Mit ihrem neuen Werk erzählt sie die faszinierende Geschichte zweier Schweizer Unternehmerdynastien – und schreibt damit ihre eigene internationale Erfolgsgeschichte fort.
Deine Figuren müssen oft hart kämpfen, bevor sie Erfolg haben. Spiegelt sich darin auch dein eigener Weg als Autorin?
Auf jeden Fall. Ich wurde zu Beginn meiner Laufbahn oft als „Einzelkämpferin“ gesehen – und fühlte mich auch so. Doch mit der Zeit wurde mir klar, dass niemand alleine einen Bestseller schreibt. Heute stehe ich für meine Bücher, aber hinter mir steht ein ganzes Team: mein Verlag, meine Lektorin, mein Literaturagent, meine Leseagentin. Wir arbeiten intensiv zusammen. Erst dieses Zusammenspiel macht ein Buch sichtbar in einer überfüllten Buchlandschaft. Der Erfolg der „Dallmayr“-Saga hat mir gezeigt: Man kann sich als Autorin professionalisieren und gleichzeitig kreativ bleiben. Man muss nur akzeptieren, dass Erfolg kein Solo ist, sondern ein Ensemble.
Wie du gerade schon gesagt hast, hinter großen Erfolgsgeschichten stehen oft Menschen, die uns den Rücken freihalten. Welche Bedeutung hat dein Mann für dein Schreiben und deinen beruflichen Mut?
Eine ziemlich große, muss ich sagen. Er ist nicht nur der Fels in der Brandung, wenn es turbulent wird, weil ich mir mal wieder zu viele Termine aufgehalst habe, zu wenig Nein sagen konnte. Dann fährt er mich zu Lesungen, kümmert sich um die Technik, plaudert mit den Veranstaltern, während ich Zeit habe, mich noch ein wenig zu sammeln, bevor es losgeht. Er ist außerdem mein erster Testleser und Sparringspartner, wenn es irgendwo im Plot hakt oder ich mehr Action für eine Szene brauche. Er ist der Mann der tausend Ideen und manchmal braucht es ja nur einen kleinen Schubs von außen und das Getriebe läuft wieder.
Wie hat der Bestsellerstatus dein Leben verändert? Und wie früh beginnt eigentlich der Weg eines erfolgreichen Buches?
Ein Bestseller spiegelt sich natürlich in den Verkaufszahlen – das ist die nüchterne Realität. Aber der Erfolg entsteht viel früher, lange bevor Leser:innen das Buch in der Hand halten. Wenn ein Verlag an ein Manuskript glaubt, wenn ein Vorschuss entsprechend hoch ausfällt, wenn Marketingmittel bereitstehen – dann steigt die Wahrscheinlichkeit enorm, dass ein Buch wahrgenommen wird. Ein Bestseller ist also nicht nur ein literarischer Erfolg, sondern auch ein unternehmerischer. Und trotzdem bleibt eine Variable unberechenbar: die Leser:innen. Ob ein Stoff wirklich einen Nerv trifft, ob Menschen das Buch weiterempfehlen – das kann man nicht planen. Man kann nur so gut wie möglich darauf hinarbeiten.
Was bedeutet finanzielle Resilienz für dich persönlich, gerade in einem Beruf mit so unregelmäßigen Einnahmen?
Für mich bedeutet sie vor allem: auszuhalten. Es gab Jahre, in denen der Januar und Februar finanziell wirklich hart waren. Verlage sind über die Feiertage geschlossen, Entscheidungen verzögern sich, Rechnungen laufen aber weiter. Ich musste Rücklagen angreifen und trotzdem weiterschreiben – ohne Garantie, ob oder wann das nächste Projekt angenommen wird. Viele Kolleg:innen haben in diesen Zeiten umgesattelt: in die Lehre, in die IT, in völlig andere Bereiche. Ich aber habe mich durchgebissen, weil ich tief in mir überzeugt war, dass meine Arbeit irgendwann ihren Platz findet. Resilienz heißt, auf eine Zukunft zu vertrauen, die man noch nicht sieht.
Wie hat sich der Buchmarkt für dich verändert – gerade in Zeiten von Self-Publishing und Digitalisierung?
Der Markt ist vielfältiger geworden, aber auch unübersichtlicher. Self-Publishing hat vielen Türen geöffnet, was großartig ist. Für mich persönlich ist es aber keine Option. Ich arbeite seit dem Studium mit Verlagen zusammen und fühle mich in diesem Umfeld zuhause. Marketing, Vertrieb, Programmgestaltung – all das sind komplexe Bereiche, die Profis brauchen. Wenn ich mich zusätzlich darum kümmern müsste, hätte ich weniger Kapazität fürs Schreiben. Ich weiß, wo meine Stärken liegen und auch, wo nicht.
Deine eigenen Erfolgsgeschichten wirken sehr entschlossen. Hast du je daran gezweifelt, weiterzumachen?
Natürlich. Jeder Mensch zweifelt. Aber Zweifel bedeuten nicht, dass man aufhört – sie bedeuten nur, dass man kurz innehält. Mein Agent hat einmal gesagt, er bewundere meine Unerschrockenheit. Vielleicht ist es genau das: eine Mischung aus Mut, Arbeitsethos, Disziplin und dem Glauben, dass es irgendwann klickt. Ich habe sehr viele Jahre für kleine Honorare geschrieben, aber ich habe immer gedacht: Irgendwann zahlt sich das aus. Und irgendwann tat es das auch.
Erfolg – wie definierst du ihn heute?
Mein Ziel war es, einmal im Leben einen Bestseller zu schreiben. Einen, der nicht nur künstlerisch, sondern auch wirtschaftlich trägt. Als das gelungen ist, war das ein unfassbar wichtiger Moment. Seitdem sehe ich vieles entspannter. Ich schreibe weiterhin mit Leidenschaft, aber ohne den Druck, mich beweisen zu müssen. Und gleichzeitig entstehen neue Ideen – manchmal mitten im Schreiben eines anderen Buches. Das ist für mich das Schönste: dass Kreativität einen nie in Ruhe lässt.
Welche Ratschläge gibst du jungen Autorinnen, die finanziell, beruflich oder strukturell vor Unsicherheiten stehen?
Professionalisierung: Berufsverbände, VG Wort, Agenturen – all das gibt Struktur.
Schreiben, schreiben, schreiben: Handwerk entsteht durch Wiederholung.
Nicht klein denken: Große Ziele darf man formulieren, auch wenn sie weit weg erscheinen.
Team aufbauen: Eine gute Lektorin oder ein guter Agent kann Welten verändern. Autorinnen müssen sich trauen, sichtbar zu werden und ihren Wert zu kennen. Erfolg entsteht selten aus Zufall.
Für viele Leserinnen ist finanzielle Unabhängigkeit ein Lebensziel. Was ermöglicht sie dir?
Sie gibt mir Freiheit und Freiheit ist für mich der größte Luxus. Ich kann reisen, recherchieren, laufen gehen, in die Berge – all das ist Teil meines kreativen Prozesses. Wenn ich Zeit habe, meine Gedanken auszudehnen, entstehen bessere Texte. Finanzielle Unabhängigkeit ist kein Komfort, sondern ein Schutzraum für Kreativität. Und ich habe ihn mir über viele Jahre selbst erarbeitet.