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Interviews

Tania Boler im Interview über FemTech und ihr Unternehmen Elvie

von Hannah

Tania Boler disruptet die FemTech Branche

Tania Boler ist Gründerin des FemTech Unternehmens Elvie. Die innovativen und vor allem unfassbar praktischen Produkte von Elvie rund ums Thema Abpumpen, haben wir euch hier bereits vorgestellt. 

Tania sollte man sich unbedingt merken, da sie eine der Vorreiterinnen der FemTech (Female Technologie) Branche ist. In unserem Interview erzählt uns Tania Boler, wie ihre Arbeit für sexuelle Aufklärung und HIV Prävention bei der UN sie und ihr Unternehmen Elvie bis heute beeinflusst. Sie erzählt uns außerdem, was sie Gründenden rät, wenn es um die Finanzierung ihres Startups geht und was wir als Gesellschaft gegen Gender-Bias tun können. Ein paar kleine Anekdoten darüber, wie sie Entrepreneurship und sexuelle Aufklärung bei ihren eigenen Kindern handhabt, haben wir natürlich auch für euch heraus gekitzelt. 

Overview: Tania, erzähl uns wie du auf Produkte wie den Beckenbodentrainer und die Milchpumpe für Elvie gekommen bist.

Tania Boler: Ich war schon immer sehr angetan und interessiert an der weiblichen Gesundheit. Mir war früh klar, dass darüber viel mehr gesprochen werden muss. Denn das Spektrum rund um das Thema Frauengesundheit ist weit: angefangen bei der Fruchtbarkeit, über die postnatale Zeit bis hin zur Menopause. Bis ich schwanger war, arbeitete ich bei der UN für die Themen rund um sichere Abtreibung, sexuelle Aufklärung und HIV Prävention. 

Als ich schwanger war und einen Pilates Kurs besuchte, machte mich die Lehrerin über die Dringlichkeit des Beckenbodentrainings aufmerksam. Das war für mich recht neu, denn hier in England gibt es keine großartige Aufklärung darüber. Das ist in Frankreich oder auch Deutschland anders. Bei uns geht es primär um das Baby, doch nicht ums Elternsein oder die physischen und mentalen Veränderungen. Doch mit den Gepflogenheiten des Beckenbodens nach der Schwangerschaft machen viele Mütter Erfahrung. Ob beim Rennen zum Bus oder Trampolinspringen – ein bisschen was geht ins Höschen. 

So kam ich dann auf die Idee, dass man hier ansetzen kann und eine Lösung für diese Mütter bieten muss. Mit meiner Idee habe ich mich bei einem Innovationswettbewerb beworben und 120.000 EUR vom Staat erhalten. Das war genug, um meinen bisherigen Job zu kündigen und Elvie zu gründen. Damals war ich 36.

O: Wie hast du die richtigen Leute für dein Tech Unternehmen gefunden?

Tania Boler: Gute Frage! Ich bin selbst keine Ingenieurin und habe anfangs viele Fehler gemacht.

Ich habe festgestellt, dass es enorm wichtig ist, Menschen zu haben, die über viel Erfahrung verfügen und dein:e Mentor:in werden können. Alexander Asseily kam schließlich als Investor an Bord, wurde mein Mentor und später sogar Mitgründer von Elvie. Er hat mir geholfen, die besten Leute zu rekrutieren und verfolgte einen sehr Silicon Valley mäßigen Ansatz: Let’s go big or go home. Er überzeugte mich, mehr Geld einzusammeln und die richtig guten Leute mit Erfahrung anzuheuern.

Der europäische Ansatz ist hingegen eher ängstlich: Ausgaben möglichst gering halten und eher juniorige Mitarbeitende einstellen, die günstiger sind.

Die Lehre aus dieser Zeit ist: Von Anfang an muss viel investiert werden, um die richtigen Leute zu bekommen. Und das zahlt sich aus. Wir bei Elvie wollen in unserem Bereich der Frauengesundheit innovieren. Das bedeutet, den Fokus konzentriert auf diesen Aspekt zu legen.

O: Wie hast du männliche Investoren und männliche Mitarbeiter von reinen Frauenprodukten wie Elvie sie herstellt, überzeugen können?

Tania Boler: Es gab viele Investoren, die nicht mal ein Meeting mit uns wollten. Sie konnten mit den Produkten wie dem Beckenbodentrainer oder Milchpumpen nichts anfangen und haben uns für verrückt gehalten.

Andere wiederum waren schon an Frauengesundheit interessiert. An diesem Punkt geht es dann darum, die Fakten und Zahlen für sich sprechen zu lassen: Eine von drei Frauen hat im Laufe ihres Lebens Probleme mit dem Beckenboden; der Milchpumpenmarkt wurde seit 50 Jahren nicht mehr wirklich disruptet. So entdeckt man ein riesiges Potential. Der Fokus lag dann auf ebendieser kommerziellen Seite der Idee. Dennoch muss natürlich klar kommuniziert und demonstriert werden, worum es bei Elvie genau geht und das müssen die Investoren auch verstehen. Darum haben wir auch immer den Elvie-Test gemacht. Das heißt, wir haben den Elvie Trainer vorgeführt und geschaut, wie die potentiellen Investoren darauf reagieren. Es gab unter den Ingenieuren auch einmal den Fall, dass er den Trainer nicht einmal anfassen konnte, weil ihn die Vorstellung allein so angewidert hatte. Das ist ein guter Indikator für uns, dass diese Person keine Elvie Person ist und somit nicht zum Unternehmen passt.

Auf der anderen Seite gab es die Ingenieure, die vorher Staubsauger oder Küchenmixer gemacht haben. Die waren ganz angetan von der Idee, ein Produkt herzustellen, das Frauen wirklich hilft. Das ist eine starke Motivation.

O: Du hast nun einen eigenen Podcast “Skin like a Rhino”. Welchen Tipp würdest du GründerInnen mit auf den Weg geben, um sich ein dickes Fell anzueignen?

Tania Boler: Resilienz ist ein ganz wichtiger Faktor. Aus der Komfortzone herauskommen, um das Selbstbewusstsein zu stärken ist ganz wichtig. Es werden sehr viele erstmal Nein sagen. Das Nein kann in verschiedenen Formen auftreten, wie bspw. “Du hast die falsche Company, die falsche Idee, das falsche Produkt, das falsche Team, du bist nicht die richtige Person dafür, usw.” 

Es geht letztendlich darum, das Negative auszufiltern und zu schauen, welches negative Feedback wirklich wertvoll ist, um mein Unternehmen voranzubringen. 

Und das sind meist weniger als 10% des Feedbacks, das man bekommt. Das Meiste ist eher Negative Noise und das muss man irgendwie versuchen zu ignorieren bzw. abprallen zu lassen. Es ist wichtig, da irgendwie gestärkt herauszukommen und weiterzumachen. Nur so kannst du denjenigen dann zeigen, dass sie falsch lagen mit ihrer Negativität. Das haben wir bei Elvie gemerkt. 

O: Du hast für die UN gearbeitet und warst für Aufklärungsarbeit in Afrika. Was hat dich bis heute geprägt aus der Zeit?

Tania Boler: Leider war die Arbeit in der UN sehr bürokratisch, das hat mich etwas ausgebremst. Ich habe dort im Bereich der HIV Prävention und sexueller Aufklärung gearbeitet. Was mich am meisten geprägt hat, war die Veränderung des Narratives zum Thema AIDS und HIV zu erleben. Damals in den 80ern zeigte man noch hagere Kinder die an AIDS starben und heute geht es darum, wie man mit HIV leben kann. Berühmtheiten wie Kylie Minogue und Elton John und viele mehr tragen die Rote Schleife. Man schafft Aufmerksamkeit für ein Tabu-Thema. Dieser Perspektivwechsel beeinflusst mich noch heute, denn mit Tabuthemen muss man genau so umgehen. Man muss die Erzählweise dazu ändern. Bei Elvie ist es zum Beispiel das Training der Beckenbodenmukulatur. Das gilt eigentlich als eher unsexy. Frauen denken dabei sofort an die Tröpfchen, die in die Hose gehen oder etwas anderes, das aus der Vagina herauskommt. Aber genau darum geht es: das Narrativ zu ändern, um es ins Gespräch zu bringen und sich nicht (mehr) dafür zu schämen. Wir wollen diese Themen nicht nur positiver gestalten, sondern auch fröhlicher und spaßiger. Denn warum sollte man nicht gleichzeitig auf dem Catwalk laufen und Milch abpumpen dürfen?!

Und diesen Ansatz beziehen wir nicht nur auf die Kommunikation, sondern auch auf die Produkte selbst. Warum sollten Frauenprodukte nicht auch angenehm zu tragen und visuell ansprechend sein?!

O: Wie klärst du deine Kinder über Gender-Bias auf?

Tania Boler: Ich verfolge den Ansatz: Deutlich und offen. Ich bemühe mich, dies in einfacher wissenschaftlicher und neutraler Weise zu tun. Denn, wenn man Themen selbst nicht peinlich berührt kommuniziert, dann sind die Kinder es auch nicht. Ab einem bestimmten Alter fangen sie jedoch auch in der Schule mit sexueller Aufklärung an. Dann tritt doch etwas Scham auf. Vielleicht wäre ein besserer Ansatz externe Spezialisten zu diesen Themen in den Unterricht einzuladen, um Aufklärung professionell und neutraler zu behandeln als von dem Lehrer/ der Lehrerin, die man noch Jahre im Unterricht hat. 

Mädchen werden leider nicht so sehr über Beckenbodenübungen aufgeklärt und dass dieser ein Teil ihres Körpers ist, um den man sich auch kümmern muss. Heutzutage lernen die Kinder natürlich auch viel über Social Media…

O: Geht ihr mit Elvie an Schulen und klärt mehr über Frauengesundheit auf?

Tania Boler: Wir tun viel digital, da man so mehr Reichweite hat. Allerdings gehen wir an Schulen, um mehr Mädchen für technische Berufe zu begeistern. Wir betonen immer wieder, dass Elvie Female First Technologien entwickelt, aber leider gibt es gar nicht so viele weibliche Ingenieure. 

O: Was können wir als Gesellschaft tun, um unseren Beitrag zur Weiterentwicklung im Bereich FemTech zu leisten?

Tania Boler: “You can’t be what you can’t see”

Das Beste ist, ein gutes Vorbild zu sein und aufzuzeigen, was alles möglich ist. Dazu gehört auch Berufe zu zeigen, die vielleicht bis dato noch von Männern dominiert sind und verständlich zu machen, dass das auch Frauen können. Wir bei Elvie brechen bspw. mit der Konvention bzw. der Annahme, dass Frauen sich nicht für Technologie interessieren. Wenn man ihnen jedoch ein Produkt gibt, das eines ihrer Probleme löst, dann stürzen sie sich auch drauf. Also, vieles ist bereits im Gange. 

O: Welcher FemTech Bereich ist noch relativ unangetastet?

Tania Boler: Die Menopause ist ein großer Bereich, der noch relativ unangetastet ist. Vielleicht aber eher auf der Medikamentenseite im Bereich der Hormonersatztherapie. 

Wir brauchen einen personalisierteren Ansatz für Hormone, denn unsere Hormone geben letztendlich den Ton an und bestimmen alles, von Fruchtbarkeit, Postnatal und dann Menopause. Und da muss noch mehr gemacht werden, um unser tägliches Leben zu verbessern.  

O: Wird Elvie noch weitere neuartige Produkte auf den Markt bringen?

Tania Boler: Wir sind natürlich dabei unsere bestehenden Produkte konstant zu verbessern, aber es gibt noch so viele weitere Innovationen, die unser Leben leichter machen können. Wir arbeiten gerade an etwas Neuem und hoffen, dass wir bald mehr dazu erzählen dürfen. 

O: Du hast selbst an einem Wettbewerb teilgenommen und so dein Startkapital gesichert. Würdest du Neugründenden eher zu einem Kredit bei der Bank oder zu Investoren raten?

Tania Boler: Aus meiner eigenen Erfahrung heraus, rate ich Gründenden dazu, eine Gruppe von Angel Investoren zu suchen, die auch eine Mentorenrolle einnehmen können. Es ist schneller, weniger bürokratisch und es gibt weniger Anforderungen. Wenn man auf VC’s setzen möchte, muss man sich bewusst sein, dass man auch viel weggibt – nicht nur Anteile. 

Letztendlich ist das Einsammeln von Investmentgelder ähnlich wie Dating: Um daran zu kommen, muss man manchmal ein paar Frösche küssen. Sei nicht scheu, deine potentiellen Investoren wirklich kennenzulernen und eine gute persönliche Verbindung aufzubauen. Geh mit ihnen zum Mittagessen, stelle Fragen. Denn so eine Investorenbeziehung hält länger als eine durchschnittliche Ehe. Es geht ja auch darum, abzustecken, ob beide Parteien auch dieselbe Vision und Werte für das Unternehmen haben. 

O: Wie bringst du deinen Kindern Unternehmertum bei?

Tania Boler: Das witzige heutzutage ist, dass es sehr trendy ist, Unternehmer:in zu sein. Jeder möchte Elon Musk werden. Mein 11-jähriger Sohn kommt nahezu wöchentlich mit unterschiedlichen Geschäftsideen zu mir. Er hat ein Autowaschunternehmen und er verkauft Dinge bei Etsy. Er tritt schon ein bisschen in meine Fußstapfen würde ich sagen. 

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