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Außergewöhnliches

Laufen für den Feminismus. Die erste Marathonläuferin Kathrine Switzer im Interview

von Faina
Kathrine Switzer bei Airbnb Entdeckungen Event für Berlin Marathon

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Ein großer Schritt für eine Frau, ein noch größerer Schritt für die Menschheit

Laufen als Revolution und ein Schritt für die Emanzipation? Kathrine Switzer hat es möglich gemacht! Als Sport für Frauen noch ein Tabu war, nahm die heutige Marathonläuferin ihre Beine in die Hand und bewies der Welt, dass auch Frauen 42,195 Kilometer am Stück laufen können. Während das Wahlrecht für Frauen ein maßgebender Schritt im Feminismus war, gerät der Einsatz von Switzer viel zu häufig in Vergessenheit.

In Deutschland wurde das Wahlrecht für Frauen 1918 eingeführt, in den USA 1920 und 1967 erkämpfte Kathrine Switzer ein weiteres Recht für die Frauen dieser Welt: Die Teilnahme an öffentlichen sportlichen Veranstaltungen, wie dem Marathon. Wie sie das erreichen konnte? Mit viel Training, Ehrgeiz und einigen wenigen Männern, die ihrer Zeit voraus waren. Denn Ende der 60er Jahre war die menschliche Bevölkerung zwar nicht mehr davon überzeugt, dass die Welt eine Scheibe sei, dafür aber davon, dass Frauen zu schwach seien, um eine längere Strecke zu laufen. Wie konnte es sein, dass elegante Frauen verschwitzt und erschöpft aussehen könnten? Natürlich war das für die Männer ein Bild, das sich nicht mit ihren Vorlieben vereinbaren ließ – so zumindest die Annahme.

© Airbnb

Die Frau, die sich traut

Frauen, die Laufen bekommen einen Bart, maskuline Beine oder noch schlimmer, ihnen fällt der Uterus heraus. Noch vor knapp fünfzig Jahren waren die Spekulationen groß über die Auswirkungen sportlicher Betätigung auf den weiblichen Körper, mal abgesehen davon, dass es unvorstellbar war, dass eine Frau auch nur ansatzweise einen Marathon laufen könnte. Immerhin galten Frauen als Personifikation des Schwachen. Zu schwach, zu langsam, zu sehr Frau, aber das hinderte Kathrine Switzer nicht daran, für etwas einzustehen und zu beweisen, dass Frauen sehr wohl in der Lage waren mit den Männern mitzuhalten. Auch wir haben uns bereits in der Vergangenheit an dieser Herausforderung probiert und trainierten mit Adidas für den Halbmarathon.

Warm up für den Berlin Marathon

Noch als Kind angetrieben von ihrem Vater entdeckte Switzer in sehr frühen Jahren ihre Liebe für das Laufen und lernte ihren Körper an die Grenzen zu bringen, die Grenzen des Möglichen. Vergangenen Sonntag, am 29. September war es in Berlin wieder so weit: Der alljährliche Marathon mit 42,195 Kilometer durch die Hauptstadt. Anlässlich dessen, veranstaltete Airbnb am Freitag vor dem Berlin Marathon eine unvergessliche Airbnb Entdeckung für eine kleine intime Runde in Berlin, um die Läufer mit körperlichen und mentalen Tipps auf den Lauf ihres Lebens vorzubereiten. Stargast des Abends: Kathrine Switzer höchstpersönlich, die von ihren Erfahrungen und ihrer Lebensgeschichte erzählte, die beinahe schicksalhaft wirkt (ihrer Meinung nach übrigens nicht).

Dank Airbnb Entdeckungen mit Einheimischen auf Erkundungstour gehen

Airbnb ist bekannt als kostengünstigere und vor allem persönlichere Alternative zu Hotels. Private Eindrücke Dank privatem Hausieren, ohne Hotellobby und häufig kahle Hotelzimmer. Was viele bisher allerdings nicht wissen, ist, dass Airbnb mehr als nur einen Schlafplatz bietet. Die Airbnb Entdeckungen bieten Einheimischen die Möglichkeit ein Stück ihrer Heimat zu teilen und Gästen die Gelegenheit einen Ort durch vertraute Augen zu erkunden. Lokale Lebenswelten, unzensierte Geheimtipps und Communities von einer anderen Seite betrachten? Die Entdeckungen auf Airbnb machen so einiges möglich. Ob eine ganztägige Weintour durch die Provence der Côte d’Azur oder die Anfertigung von katalanischen Espadrilles in Barcelona – jede Stadt bietet Dank dem persönlichen Einsatz von Einheimischen ein besseres Programm, als jedes Touristen-Unternehmen.

Kathrine Switzer bei Airbnb Entdeckungen Event für Berlin Marathon Yogamatten und Airbnb Handtücher
© Airbnb

In diesem Fall hatte Airbnb mit Kathrine Switzer eine ganz besondere Gastgeberin, die selbst zuletzt 2017 im Alter von 70 Jahren am Berlin Marathon teilnahm. Wir waren bei dem Event dabei und durften dieser unfassbar inspirierenden Frau nicht nur beim Erzählen ihrer Lebensgeschichte zuhören, sondern ihr auch ein paar Fragen stellen, die euch hoffentlich ebenso anstecken wie auch uns schon. Die Einnahmen der Airbnb Entdeckung gingen übrigens an die 261fearless-Foundation, gegründet von Kathrine Switzer, um Frauen aus aller Welt zum Laufen zu motivieren. Als soziales Lauf-Netzwerk sollen Frauen Unterstützung und Kraft aus einer gemeinsamen Leidenschaft schöpfen, dem Laufen. Wichtig ist dies vor allem in Ländern und an Orten, denen der Weg der Emanzipation und des Feminismus noch bevor liegt.

Kathrine Switzer im Interview 

Bevor das Event losging, konnten wir uns bereits ein erstes Bild über die 72 jährige machen. Ohne zu zögern begann sie Fragen zu stellen, um ein Stück weit mehr über uns herauszufinden und erzählte passende Anekdoten. Man spürt, dass Kathrine heute mit und für Menschen arbeitet, denn ihr Blick verriet ungemeines Interesse für ihren Gegenüber, egal mit wem sie sich persönlich unterhielt. Zwei weitere Qualitäten, die dieser Frau hoch angerechnet werden müssen, sind einerseits ihre wundervolle Art des Erzählens und die motivierenden Impulse, die Switzer dabei aussendet. Eines ist sicher: Wenn Kathrine Switzer dir sagt, du kannst alles erreichen was du willst, dann bist du dir in diesem Moment sicher, dass du deine Träume und Ziele erreichen wirst. Erst recht, wenn das Ziel der Berlin Marathon ist.

Kathrine Switzer bei Airbnb Entdeckungen Event für Berlin Marathon
© Airbnb

Switzers Geschichte beginnt nicht 1967 am Tag des Boston Marathon als sie 19 Jahre alt war, sondern mit 12 Jahren als ihr der Wechsel auf die High School bevorstand. Damals eröffnete sie ihren Eltern, dass sie eine Cheerleaderin sein wollte, wovon sie sich Schönheit und Rum erhoffte. Ihr Vater sagte damals „Du willst kein Cheerleader sein. Cheerleader bejubeln andere Menschen. Du willst, dass Menschen dich bejubeln.“ Letztendlich war es ihr Vater, der Kathrine auf die Idee brachte zu laufen. Deswegen liegt es Switzer besonders am Herzen, dass Kinder in allem bestärkt werden.

Talent and capability is everywhere, it only needs an opportunity.

Kathrine Switzer

An der Universität studierte Kathrine Journalismus, um über den Sport zumindest schreiben zu können und ihm so nahe sein zu können. Im Jahre 1928 liefen drei Frauen während der olympischen Spiele 400 Meter Strecken und sahen danach so erschöpft aus, dass sie für weitere 32 Jahre von den Olympischen Spielen ausgeschlossen wurden. Nur gut, dass die Teilnahme wieder erlaubt wurde, sonst hätten wir womöglich Talente wie Ruth Spelmeyer verpasst. Es war Arnie Briggs, ein freiwilliger Trainer der Männermannschaft, der mit Kathrine auf den Boston Marathon hintrainierte. Der 50 jährige lief selbst 15 Mal den Boston Marathon mit und stand Switzer 1967 mit ihrem Partner Tom zur Seite.

Overview: Was inspiriert dich heute?

Kathrine Switzer: Es inspiriert mich sehr neue und interessante Menschen auf der ganzen Welt zu treffen. Das Schöne dabei ist sich besser kennenlernen zu können, wenn wir in einer kleinen Gruppe sind und herauszufinden, was wir alles gemeinsam haben, statt darüber nachzudenken oder zu reden in wie weit wir uns unterscheiden. Und natürlich inspiriert mich zu sehen, wie das Laufen uns als Gruppe zusammengebracht hat, um uns gemeinsam bestärkt zu fühlen.

O: War dir bewusst, dass das Mitlaufen des Boston Marathon Konsequenzen haben würde, wie den Fortschritt des Feminismus?

Kathrine Switzer: Als ich den Boston Marathon startete, wollte ich einfach laufen und nichts beweisen. Ich begann den Marathon als Mädchen und beendete ihn als Frau. Nachdem ich bereits meinem Trainer bewiesen hatte, dass Frauen die Strecke eines Marathons laufen können, war der Boston Marathon eine Belohnung für mich. Aber nach dem Angriff von einem der Veranstalter wusste ich, dass ich nun erst recht beweisen muss, dass Frauen ebenfalls einen Marathon laufen können. In diesem Moment änderte sich einfach alles für mich.

O: Glaubst du, es war dein Schicksal diesen Marathon zu laufen und somit Anteil an der Frauenbewegung zu haben?

Kathrine Switzer: Nein, alle sagen es war Schicksal. Ich sage immer Schicksal ist nicht Gott, der runterkommt und dir dein Schicksal in die Hand legt. Schicksal beginnt in dem Moment, in dem du etwas bewegest und beendest. Mach den ersten Schritt, beende das Buch, den Job – das ist der Moment in dem Schicksal geschieht.

Kathrine Switzer bei Airbnb Entdeckungen Event für Berlin Marathon Umarmung
© Airbnb

Den Marathon zu laufen war nicht der schwere Teil, denn ich wusste, dass ich das schaffe. Schwer wurde es, als ich Frauen und Männer im Anschluss davon überzeugen musste, dass meine Leistung und ich persönlich keine Ausnahme waren. Ich wollte den Menschen begreiflich machen, dass jede Frau und jeder Mann einen Marathon laufen könnten, dafür müssten sie es einfach probieren. Wir alle können unfassbare Dinge tun, wenn wir es versuchen oder zumindest die Möglichkeit haben. Das ist die große Schwierigkeit.

O: Hast du jemals wieder mit dem Veranstalter gesprochen, der dich angegriffen hat?

Kathrine Switzer: Er hat sich niemals entschuldigt, aber fünf Jahre später musste er mir eine Trophäe überreichen und war sehr unzufrieden. Ein Jahr später kam er zu mir und gab mir einen Kuss auf die Wange. Er hat sich nie wörtlich entschuldigt, aber in dem Moment wusste ich was es bedeutete. Wir wurden beste Freunde und hielten gemeinsam öffentliche Reden und über die Jahre veränderte sich seine Einstellung sehr. Er fing an, an Frauen zu glauben.

„Manchmal kann eben aus den schlimmsten Situationen das beste Resultat entstehen.“

Kathrine Switzer

Oftmals denke ich mir, wenn man Menschen ausreichend Raum und Zeit lässt, dann verstehen sie von selbst. Tatsächlich besuchte ich ihn einige wenige Stunden vor seinem Tod. Die Menschen sind oft erstaunt darüber und sagen „Das ist eine Menge Vergebung“, aber das Leben ist zu kurz um nicht zu verzeihen. Und wie sollte ich oder wir alle nicht jemanden lieben, der dazu beigetragen hat, dass eines der besten Fotos in der Evolution der Frauenrechte entstanden ist? Neben all den schlimmen Dingen, die er mir angetan hat, hat er mich auf eine positive Art inspiriert. Manchmal kann eben aus den schlimmsten Situationen das beste Resultat entstehen.

Die Rolle von Tom in Kathrines Leben

Tom, der Partner von Kathrine, der selbst Athlet war, war es, der den Veranstalter wortwörtlich aus dem Rennen boxte. Kathrine und Tom heirateten und trennten sich nach fünf Jahren Ehe. Zu tief saß wohl der Frust darüber, dass sie als Frau erfolgreich wurde mit ihrer beider Liebe, dem Sport. Und wie bereits Erik Jäger so schön sagte: „Jeder kann Sport!“.

O: Und hast du jemals wieder mit Tom über den Marathon gesprochen?

Kathrine Switzer: Nicht wirklich, denn nachdem wir uns trennten, war Tom sehr bitter darüber. Irgendwann half ich ihm durch Zufall seine erste große Liebe wieder zu finden. Ich traf sie bei einem Lauf und sie sprach mich an und fragte, ob es tatsächlich der Tom Miller aus Lakewood Ohio sei. Damals kannten die Menschen bereits meine Geschichte. Wir unterhielten uns und ich fragte sie, ob ich ihre Nummer an Tom weitergeben dürfte. Ich hatte das Gefühl, dass er noch immer verrückt nach ihr war. Sie selbst war geschieden zu dem Zeitpunkt und freute sich, ihn wiederzusehen.

Kathrine Switzer bei Airbnb Entdeckungen Event für Berlin Marathon Gruppe
© Airbnb

Einige Zeit später heirateten die beiden und Tom wurde sehr glücklich. Wir trafen uns tatsächlich irgendwann auf einen Drink und er gestand mir, dass er Bewunderung für mich empfinde. Er glaubte nicht, dass jemand so etwas schaffen könnte. Ich lachte damals nur und sagte, dass Training sich eben auszahlt. Dann sagte er, dass er mir verzeiht, weil ich ihn mit seiner einen großen Liebe zusammengebracht habe. Ich dachte nur, wie froh ich bin aus dieser Beziehung raus zu sein.

O: Was würdest du jemandem empfehlen, der in einer toxischen Beziehung ist?

Kathrine Switzer: Meistens sind es die Frauen, die sich in einer toxischen Beziehung befinden, es gibt natürlich auch Männer, aber alle haben eines gemeinsam: Sie haben Angst, die Beziehung zu verlassen. Es gibt ein Sprichwort – Der Teufel, den du kennst ist besser als der Teufel, den du nicht kennst. Frauen bleiben viel zu oft in missbräuchlichen Beziehungen, weil sie Angst davor haben unabhängig zu sein. Viele denken fälschlicherweise, dass sie nicht ohne die Unterstützung von einer anderen Person leben können. Oder sie denken sich „Wenn es hier drin schon schlimm ist, dann muss es draußen noch schlimmer sein“. Diese Frauen haben leider einen enormen Mangel an Selbstbewusstsein und sind ängstlich, aber Angst wird dich davon abhalten Entscheidungen zu treffen, gute Entscheidungen für dich selbst.

O: Planst du an einem weiteren Marathon teilzunehmen?

Kathrine Switzer: Ja, auf jeden Fall! Ich hatte mir eigentlich vorgenommen dieses Jahr den Berlin Marathon mitzulaufen, aber ich habe mich vor einem Jahr leicht verletzt und es hat sich verschlimmert. Den Berlin Marathon laufe ich also vielleicht nächstes Jahr mit, aber um ehrlich zu sein, werde ich nächstes Jahr wahrscheinlich in Chicago mitlaufen. Es gibt die Abbott World Marathon Majors, ein Zusammenschluss der sechs größten Marathon-Veranstalter. Man spricht auch von den Big Six und mir fehlen nur noch zwei: der Marathon in Chicago und Tokio. Ich würde Chicago nächsten Oktober mit 73 Jahren laufen und dann Tokio im Alter von 74 Jahren. Aber ich denke nicht an das Alter.

Ein einziges Mal habe ich an mein Alter gedacht nachdem ich mich letztes Jahr verletzt habe. Ich stolperte über einen Ast und fiel auf die Hüfte. Damals blieb ich einen kurzen Moment liegen und dachte zum ersten Mal über mein Alter nach und darüber, dass die meisten Frauen in meinem Alter eine gebrochene Hüfte davon tragen würden, immerhin werden die Knochen schwächer. Ich stand also langsam auf, lief zu meinem Auto und fuhr zum Arzt. Ich werde nie vergessen wie der Arzt sagte, dass das die besten Knochen seien, die er jemals von jemandem in meinem Alter gesehen hat.

Kathrine Switzer bei Airbnb Entdeckungen Event für Berlin Marathon
© Airbnb

Glücklicherweise gab es keinen Hinweis auf einen Bruch, es war eine leichte muskuläre Verletzung, die einfach genügend Zeit benötigte. Ich war froh, dass es etwas war und es nicht einfach nur meine Vorstellung war. Man denkt über das Alter erst nach, wenn man nicht in bester Verfassung ist. Als ich den Boston Marathon vor zwei Jahren beendete, war das der glücklichste Tag meines Lebens. Ich war sehr stark und brauchte vier Stunden und 44 Minuten, aber ich habe 13 mal angehalten, jedes kleine Kind umarmt, habe acht kleine Interviews gegeben und Freunde getroffen. Meine Laufzeit wäre also schneller gewesen, aber es ging mir nicht um die Zeit.

O: Und war dein erster Marathon auch der schnellste?

Kathrine Switzer: Nein, es dauerte zehn Jahre bis ich meine Bestzeit erlangte. Ich lief den Boston Marathon in zwei Stunden und 51 Minuten. Sechs Monate zuvor gewann ich den New York Marathon, war aber sehr enttäuscht. An dem Tag war es unfassbar heiß und ich lief eine Zeit von drei Stunden und sieben Minuten. Ich wollte unbedingt unter drei Stunden laufen, aber es war einfach zu heiß und so musste ich sechs Monate auf den Boston Marathon warten. Es war ein perfekter Tag und ich lief letztendlich unter drei Stunden. Und bis vor kurzem war es der glücklichste Lauf meines Lebens, weil ich so hart dafür trainiert hatte.

Oftmals arbeiten Athleten sehr hart, aber bekommen niemals die perfekten Bedingungen. Übermorgen wird es also sehr spannend, denn wenn es stark regnet, werden die Elite Läufer eine schwere Zeit haben. Man muss sich vorstellen, sie sind sehr schnell und dadurch ist es sehr rutschig. Eliud Kipchoge gewann letztes Jahr den Berlin Marathon und lief die 42km in zwei Stunden und einer Minute. Alle glauben, dass er der erste Mann in der Geschichte sein wird, der unter zwei Stunden kommt. Dafür muss einfach alles perfekt sein.

O: Was würdest du jemandem empfehlen, der Angst davor hat die Dinge zu tun, die er gern tun würde?

Kathrine Switzer: Mach den ersten Schritt, denn nichts ist schlimmer als Untätigkeit. Ich sage immer, wenn du zu Hause bleibst und auf deinen Händen sitzt, dann wird nichts passieren. Wenn du nur den ersten Schritt gehst, dann weißt du zumindest, dass du es probiert hast. Du musst es einfach probieren und es braucht kein Marathon zu sein. Wie wäre es, wenn du dir Schuhe anziehst und zumindest vor die Tür gehst? Das erinnert mich an einen Witz in dem jemand jeden Tag zu Gott betet, dass er ihn bitte im Lotto gewinnen lassen soll. Irgendwann antwortet Gott und sagt „Wie wäre es, wenn du mir ein Stück entgegen kommst und dir ein Los kaufst?“ Ich denke, da ist etwas dran.

O: Was würdest du jemanden empfehlen, dessen Verstand beim Laufen sagt „Hör auf“?

Kathrine Switzer: Dein Verstand wird dir immer sagen „Hör auf“, aber es gibt Unterschiede in dem was der Verstand meint. Manchmal wird er sagen, dass dir langweilig ist oder dass du müde bist und du einfach aufgeben und dir ein Bier holen solltest. Manchmal sagt dir dein Verstand aber auch, dass du verletzt bist und das ist der Moment in dem du tatsächlich aufhören solltest. Damit könnte man seine ganze Karriere beenden. Als Athlet musst du den Unterschied kennen.

Kathrine Switzer bei Airbnb Entdeckungen Event für Berlin Marathon Sport Warm Up
© Airbnb

Jeder kennt den folgenden Unterschied: Wenn du morgens aufwachst und dich etwas krank fühlst, aber dir denkst „Na gut, nach einer schönen Dusche und einer Tasse Tee kann ich auf Arbeit“. Aber dann gibt es diese Tage an denen du aufwachst und merkst, dass du wirklich krank bist, Fieber oder die Grippe hast und dir bewusst ist, dass du nicht zur Arbeit gehen kannst. Es ist wichtig diesen Unterschied zu kennen und sensibel zu sein.

„In solchen Situationen denke ich mir, dass ich die glücklichste Person auf dieser Welt bin, weil ich die Möglichkeit habe zu laufen. Millionen Menschen haben diese Möglichkeit nicht.“

Kathrine Switzer

Wenn dein Körper sagt du bist müde, dann fang an Spielchen zu spielen. Frag dich zum Beispiel, ob du noch drei weitere Kilometer schaffst und wenn du die drei Kilometer geschafft hast, denke dir einfach „Ich kann drei weitere Kilometer schaffen“. Oder du hältst an und läufst ruhig und sobald du dich besser fühlst, machst du weiter. Iss eine Banane, dehn dich ein wenig, aber hör niemals auf, denn am Ende bist du glücklicher, wenn du das Rennen beendest. Ich habe ein einziges Mal einen Lauf beendet, weil ich verletzt war. Aber ich habe nie einen Lauf frühzeitig beendet, weil ich müde war. In solchen Situationen denke ich mir, dass ich die glücklichste Person auf dieser Welt bin, weil ich die Möglichkeit habe zu laufen. Millionen Menschen haben diese Möglichkeit nicht.

Kathrine Switzer bei Airbnb Entdeckungen Event für Berlin Marathon Autogramm
© Airbnb

O: Wann ist der richtige Zeitpunkt etwas Neues zu beginnen?

Kathrine Switzer: Wir müssen uns eines bewusst machen: Du bist nie zu alt, zu langsam oder zu unerfahren, um etwas Neues zu beginnen oder zu probieren. Anstelle dessen muss sich jeder bewusst machen, dass er zu jung ist, um aufzugeben oder etwas unversucht zu lassen.

O: Wie fühlst du dich jetzt, wenn du auf das Geschehene zurückblickst?

Kathrine Switzer: Ich bin sehr glücklich, dass dieser schlimme Moment zur besten Sache meines Lebens wurde. Es tut mir leid für alle, dass es so lang gedauert hat, auch wenn viele denken, dass es schnell ging. Fünfzig Jahre sind eine lange Zeit, aber ich bin besorgt darüber, dass wir immer noch so viele Frauen in angsteinflössenden Situationen haben. Ich denke, es ist auch etwas biologisches, denn wir Frauen haben einen Beschützerinstinkt, als Beschützer von Kindern beispielsweise.

„Die Frauenbewegung ist noch sehr jung und steckt in den Kinderschuhen.“

Kathrine Switzer

Wir Frauen haben erst seit der Industrialisierung auf gewisse Rechte Anspruch. Die Frauenbewegung fand also in den letzten 100 Jahren statt. In den USA durften Frauen erst 1920 wählen, in der Schweiz sogar erst 1983 und in Saudi Arabien haben Frauen bis heute kein Wahlrecht und werden dieses eventuell niemals bekommen. Die Frauenbewegung ist noch sehr jung und steckt in den Kinderschuhen. Deswegen wollte ich das Publikum heute auch dazu anregen, sich vorzustellen was Sport bewirken kann und welche Möglichkeiten er bereit halten kann. Wir müssen darüber nachdenken, was in der Vergangenheit geschehen ist und uns vorstellen, was wir noch in der Zukunft bewirken können.

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